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Schuleigenes Beratungskonzept:
Freiherr-vom-Stein-Schule Minden

m Rahmen der Schulprogrammentwicklung entstand im Kollegium der Freiherr-vom-Stein-Schule der Wunsch nach einem schulspezifischen Beratungsprogramm, in dem bereits vorhandene "Beratungsinseln" zusammengetragen und verbunden sowie mit neuen Beratungsanlässen und -angeboten ergänzt werden sollten.

Unter Berücksichtigung der örtlichen Gegebenheiten wurde ein Gesprächs- und Entwicklungsprozess angeregt mit dem Ziel, ein für alle Mitglieder der Schule verbindliches Beratungskonzept zu erarbeiten. Träger der Beratung sind alle Lehrerinnen und Lehrer dieser Schule. Angesichts des täglichen Umgangs kennen gerade die Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer ihre Schülerinnen und Schüler am besten und finden am ehesten das für eine Beratung erforderliche Vertrauensverhältnis. Ihre Beratungstätigkeit wird unterstützt und ergänzt durch die Beratungsangebote der Schulleitung, des Beratungslehrers und von Fall zu Fall der SV-Verbindungslehrer, des Lehrers für Drogen- und Suchtvorbeugung sowie des Lehrers für Gewaltprävention. Auch ist eine Beratung durch die Schulaufsicht denkbar und wünschenswert.

Zusammen mit den externen Einrichtungen mit spezifisch professionellen Beratungsangeboten, wie z.B. der Beratungsstelle für Schul- und Familienfragen und der Drogenberatung des Schulträgers, dem Gesundheitsamt sowie dem Arbeitsamt, bildet die schulinterne Beratung ein Netz von Informationsangeboten, pädagogisch-psychologischer Förderung und Vorbeugung bis hin zu Fragen der Schulentwicklung (Innovation).

Diese Vernetzung kann nur sinnvoll funktionieren, wenn alle Beteiligten so eng miteinander zusammenarbeiten, wie es ihre spezifische Rolle und ihre Möglichkeiten zulassen. Die internen Beraterinnen und Berater sollten ein Team bilden und sich regelmäßig abstimmen. Zu den externen Beratungseinrichtungen sind stabile und beständige Kontakte zu knüpfen und zu pflegen.

Die schulinternen Beraterinnen und Berater mussten zunächst gemeinsam die Beratungsanforderungen an ihrer Schule analysieren und dann in einem Prozess des "Sich-Beratens" ein gemeinsames Konzept entwickeln.

Dieser Prozess knüpfte an Erfahrungen an, die eine Gruppe von Kolleginnen und Kollegen bereits mit einer besonders beratungsbedürftigen Schulform, der zweijährigen Berufsfachschule, gesammelt hat. Die dort anzutreffenden Schülerinnen und Schüler kommen überwiegend aus der Hauptschule, Typ 10A. Der Anteil der Mädchen beträgt über 70%. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die nicht in Deutschland geboren sind, liegt bei ca. 25%, wobei die Gruppe der Aussiedlerinnen besonders stark vertreten ist, gefolgt von Türkinnen und Türken und einigen Jugendlichen aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien. Dadurch entsteht nicht nur ein erhebliches Integrationsproblem in den Klassen, sondern eine zusätzliche Verschärfung der sprachlichen Defizite. Zudem kommen die Handelsschülerinnen und -schüler nicht selten aus schwierigen familiären Verhältnissen, zeigen ein schwach ausgeprägtes Sozialverhalten (unregelmäßiger Schulbesuch, aggressives Auftreten usw.) und weisen Konzentrations- und Motivationsmängel, Störungen im Selbstbewusstsein und geringe Belastbarkeit auf. Es kann daher nicht verwundern, dass bereits nach dem ersten Jahr (Unterstufe) etwa die Hälfte der Handelsschülerinnen und -schüler die Schule erfolglos verlässt bzw. die Klasse wiederholt, während die andere Hälfte entweder in die Oberstufe oder aber - bei Erlangen der FOS-Reife nach dem ersten Jahr - in die Höhere Handelsschule bzw. direkt in eine Berufsausbildung wechselt.

Die in dieser Schulform unterrichtenden Kolleginnen und Kollegen hatten auf die wachsenden Schwierigkeiten reagiert und Vorschläge für den Unterrichtseinsatz (Freiwilligkeit, Konzentration des Unterrichts je Klasse auf wenige Lehrer u.ä.) entwickelt, mehrtägige Seminare zum Kennenlernen für alle neuen Klassen eingerichtet und eine zweiwöchige Praktikumsphase in der Unterstufe organisiert. Die bisherigen Erfolge waren sehr ermutigend und sollten in den nächsten Jahren durch gezielte Fördermaßnahmen (Sprachkompetenz, Sozial- und Lernverhalten) und methodisch-didaktische Anstrengungen ergänzt werden. Zudem traf sich die Kollegengruppe regelmäßig, um laufende Probleme mit Schülern, Kollegen und sich selbst zu erörtern (kollegiale Praxisreflexion). Anfangs wurde dieser "pädagogische Arbeitskreis" von Schulpsychologen des Kreises begleitet. Der Beratungslehrer gehörte von Anfang an zu diesem Team. Über seine Kontakte zu Beratungslehrern anderer Schulen konnten deren Erfahrungen in das Handelsschul-Projekt eingebracht werden.

Da sich zahlreiche Elemente der beschriebenen Arbeit angesichts der Entwicklung z.B. in der Berufsschule und Höheren Handelsschule auch auf die anderen Schulformen übertragen lassen, wurden interessierte Kolleginnen und Kollegen aller Schulformen, also auch der Berufsschulen, der Höheren Berufsfachschulen einschl. Gymnasialer Oberstufe sowie der Wirtschaftsfachschule, aufgefordert, sich mit ihren spezifischen Beratungsanlässen und möglichen Lösungsansätzen auseinersetzten und ihre Vorstellungen und Erfahrungen in den Prozess um ein gemeinsames Beratungskonzept einzubringen.

Das Resultat dieses Prozesses sollte den Schüler- und Elternvertretungen sowie der Lehrerkonferenz vorgestellt und der Schulkonferenz zur Verabschiedung vorgelegt werden.

Alle Abteilungen/Schulformen waren aufgefordert, Beratungsteams zu bilden und ihre Teilergebnisse nach einem Jahr vorzulegen, damit daraus ein für die gesamte Schule verbindliches Beratungskonzept erstellt werden kann. Eine Kollegin bzw. ein Kollege, legitimiert durch die Lehrerkonferenz, sollte die Verantwortung für diese Arbeit übernehmen.

Nach weiteren zwei Jahren Entwicklungs- und Erfahrungsarbeit wurde schließlich ein Beratungskonzept für die Freiherr-vom-Stein-Schule formuliert. Kritisch anzumerken ist, dass die Vorarbeiten in der Schulform "Handelsschule" nicht so schnell auf andere Schulformen übertragen werden konnten. Es wurde lediglich eine Sonderklasse für die "Höhere Handelsschule" gebildet, in der nach dem ersten Schullhalbjahr Schülerinnen und Schüler zusammengefasst wurden, die offenkundig nicht in der Lage waren, dem Lernprozess ihrer ursprünglichen Klassen zu folgen. Mit Unterstützung des Lehrerteams der Handelsschule, die im Umgang mit Lernschwierigkeiten größere Erfahrungen besaßen, sollte diese Schülergruppe so gefördert werden, dass sie trotz der bestehenden Anlaufschwierigkeiten doch noch den Anforderungen der Schulform genügen konnte. Dieser Versuch ist jedoch bis heute umstritten und auch nur von begrenztem Erfolg gekrönt.

Abgesehen von dieser schulformbezogenen Problematik kristallisierten sich jedoch noch weitere Schwerpunkte der Beratungsarbeit heraus, so dass folgendes Beratungskonzept der Lehrerkonferenz sowie der Schulkonferenz vorgelegt werden konnte:

Schulberatung an der Freiherr-vom-Stein-Schule

Beratung in der Schule hat es immer gegeben und wird es immer geben. Wer täglich Fragen ratsuchender Schülerinnen und Schüler beantworten will, Konflikte in der Schule entschärfen oder lösen muss, der weiß, dass die Wirklichkeit nicht auf Programme und Konzepte wartet, sondern hilfreiche Lösungen und Antworten fordert.

Es geht also nicht um Kritik an der bisherigen Beratungstätigkeit, sondern darum, wie die vielen vorhandenen Einzelaktivitäten in unserer Schule strukturiert, systematisiert, koordiniert und intensiviert werden können, damit letztlich die Qualität schulischer Arbeit nachhaltig gesichert und verbessert wird.

Dabei darf sich Schulberatung nicht nur an Lern- und Verhaltensdefiziten orientieren, sondern muss sich verstehen als schulische Dienstleistung für Schüler, Eltern, Kollegen, Ausbildungsbetriebe, Verbände und Institutionen in Form von Informations-, Kooperations-, Konsultations- und Innovationsangeboten.

Träger der Schulberatung an der Freiherr-vom-Stein-Schule

Träger der Beratung sind alle Lehrerinnen und Lehrer unserer Schule. Angesichts des täglichen Umgangs kennen die Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer ihre Schülerinnen und Schüler am besten und finden am ehesten das für eine Beratung erforderliche Vertrauensverhältnis.

Ihre Beratungstätigkeit wird unterstützt und ergänzt durch die Beratungsangebote der Schulleitung, der Abteilungsleiter für die einzelnen Schulformen, der Beratungslehrerinnen und -lehrer und von Fall zu Fall der SV-Verbindungslehrerinnen und -lehrer sowie des Lehrers für Drogen- und Suchtvorbeugung.

Auch ist eine Beratung durch die Schulaufsicht denkbar und wünschenswert.

Zusammen mit den externen Einrichtungen mit spezifisch professionellen Beratungsangeboten bildet die schulinterne Beratung ein Netz von Informationsangeboten, pädagogisch-psychologischer Förderung und Vorbeugung bis hin zu Fragen der Schulentwicklung (Innovation).

Diese Verzahnung konnte bisher vor allem in der Berufsberatung sowie der Schullaufbahnberatung zufriedenstellend gelöst werden. So bietet das Arbeitsamt seit Jahren jeden Monat einen rege beanspruchten Beratungsvormittag im Hause an. Auf der anderen Seite beteiligt sich unsere Schule am Berufsorientierungs- und Berufsfindungsprozess dadurch, dass Kollegen jährlich an Informationsveranstaltungen für Schülerinnen und Schüler der abgebenden Schulen mitwirken und seit 1994 alle zwei Jahre ein Berufsinformationstag (BIT) veranstaltet wird, auf dem die Ausbildungsbetriebe und unsere Schule das "duale" Berufsausbildungssystem vorstellen.

Die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt und der Drogenberatungsstelle des Kreises erfolgt sporadisch; Kontakte zu Schulpsychologen bestehen nach der Eingliederung der Schulberatungsstelle in die Familien- und Erziehungsberatung des Kreises nicht mehr.

Arbeitsschwerpunkte der nächsten Jahre (besonderer Beratungsbedarf)

Schullaufbahnberatung

Angesichts der häufig zu beobachtenden Orientierungslosigkeit junger Menschen und ihrer mangelnden Selbsteinschätzung ist es wichtiger denn je, die Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten aufzuzeigen und bei der Berufsorientierung sowie Berufswahl helfend einzugreifen.

Dazu dienen die Informationsveranstaltungen bei Eltern- und Schülerveranstaltungen der abgebenden Schulen, die Sonderberatungen während der Einschulungszeit (Februar), die jährlichen Informations- und Beratungsabende an unserer Schule sowie der Berufsinformationstag BIT, der alle zwei Jahre zusammen mit dem gewerblichen Berufskolleg und den Ausbildungsbetrieben veranstaltet wird.

Darüber hinaus erhalten Schülerin und Schüler sowie deren Eltern jederzeit Informationen und Ratschläge zu ihren individuellen Schullaufbahnfragen.

Schulformbezogenes Förderkonzept für Berufsgrundschuljahr und Handelsschule

Bestimmte Schulformen erfordern einen besonderen Beratungsbedarf. So kann bei vielen Schülerinnen und Schülern des Berufsgrundschuljahres und der Handelsschule ein deutliches Defizit im Arbeits- und Sozialverhalten beobachtet werden. Wenn diese Schulform eine berufliche Grundbildung und einen mittleren Bildungsabschluss vermitteln soll und die Absolventen/innen gut vorbereitet und guten Gewissens in die Berufswelt entlassen werden sollen, dann reicht traditioneller Unterricht nicht aus, sondern muss ergänzt werden durch zusätzliche Sprachförderung und das Einüben von Verhaltensmustern, die eine Übernahme in die Berufswelt ermöglichen und eine längere Verweildauer in Arbeitsverhältnissen nicht behindern. Dies gilt in besonderem Maße für Migrantinnen und Migranten, die in dieser Schulform überdurchschnittlich häufig vertreten sind (in manchen Jahren bis zu 50% der Schülerinnen und Schüler). Aus diesem Grund nimmt unsere Schule seit 1996 an einer speziellen Migrantenförderung im Rahmen eines EU-Projektes teil. Mit einem auf diese Personengruppe abgestimmten Konzept, durch den Kontakt und Austausch mit Ausbildungseinrichtungen für ähnliche Problemgruppen in Frankreich sowie mit Hilfe einer für die Laufzeit des Projektes eingestellten Schulsozialpädagogin sollen Bildungsdefizite und kulturelle Hemmnisse abgebaut werden. Die Gruppe von Lehrerinnen und Lehrern, die dieses Projekt betreuen, erhoffen sich aus dieser Arbeit neue Impulse für die Förderung aller Schülerinnen und Schüler in BGJ und Handelsschule.

Individuelle Lern- und Erziehungsförderung

Die Häufung von Lern- und Erziehungsdefiziten unserer Schülerinnen und Schüler erfordern zusätzliche Anstrengungen aller Lehrerinnen und Lehrer im schulischen Leben. Einfache und umfassend wirkende Lösungsvorschläge greifen immer seltener. Sowohl die Ursachen als auch die Symptome für Lern- und Verhaltensprobleme sind individuell sehr verschieden. Dementsprechend müssen die Lösungsansätze den jeweiligen Bedingungen angepasst werden. Im allgemeinen besitzen die Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer die besten Hintergrundinformationen über ihre Schülerinnen und Schülern, so dass sie am ehesten in der Lage sind, erfolgreich zu intervenieren. Sie dürfen aber nicht alleine gelassen werden. Es wäre wünschenswert, wenn sich an unserer Schule eine Beratungskultur entwickeln würde, die ein intensives Sich-miteinander-Beraten zuließe unter Einbindung spezialisierter Beraterinnen und Berater aus unserer Schule selbst sowie von externen Beratungseinrichtungen (Vernetzung der Berater).

Drogen- und Suchtprävention

Drogen- und Suchtprobleme finden sich überall in unserer Gesellschaft - und damit auch in unserer Schule. Die Lösungsvorschläge sind vielfältig und teilweise widersprüchlich. Die größten Chancen für eine erfolgreiche Bekämpfung sehen viele Experten in einer langfristigen und weit in unsere gewohnten Verhaltensmuster eingreifenden Prävention. Kolleginnen und Kollegen, die sich damit befassen, müssen von den gefährdeten Schülerinnen und Schülern akzeptiert, für solche Aufgaben besonders qualifiziert und eng mit externen Beratungsstellen vernetzt sein. Zur Zeit wird ein Kollege unserer Schule entsprechend ausgebildet. Unter seiner Verantwortung sollte in den nächsten Jahren ein entsprechendes Präventionskonzept erarbeitet und umgesetzt werden.

Autor: Helmut Geißler, 1998