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Hilfen zur Bewältigung von Angst und Trauer, Wut und Ohnmacht

Hilfe im Gespräch Von traumatisiernden Ereignissen, die Schulen betreffen, wird in den Medien schnell und ausführlich berichtet, so dass Schülerinnen und Schüler wie auch die Lehrkräfte davon wissen, wenn sie am nächsten Tag wieder zur Schule kommen.

Mit Gesprächen in Klassen und Kursen reagieren Lehrerinnen und Lehrern, um bei der Bewältigung von Angst und Trauer zu helfen. Unbedacht besteht die Gefahr dem Spektakulären der Gewaltereignisse zu erliegen und mehr über den Täter, seine Handlungen und Motive zu sprechen als über das Leid der Opfer und die Betroffenheit der Schülerinnen und Schüler selbst.

Wie können Lehrerinnen und Lehrer als Krisenmanager Gespräche beeinflussen, um eine kognitive Umstrukturierung zur Verarbeitung der Situation zu ermöglichen bzw. zu unterstützen.

Zuhören und Verstehen Vor allem ist es notwendig zuzuhören und zu verstehen, worin denn die Kinder und Jugendlichen das Bedrohliche gesehen haben und was sie aktuell als beängstigend erleben. Hilfreich kann sein, "Kreise der Betroffenheit" zu unterscheiden.

Wer persönliche Beziehungen zu Personen oder dem Ort des Ereignisses hat oder gar einen Freund oder Bekannten verloren hat, ist stärker berührt als jemand, der nur über die Medien davon gehört hat.

"Kreise der Betroffenheit" In der Notfallpsychologie hat sich als Analyseschema für die Planung der ersten Hilfe-Schritte die Unterscheidung der "Kreise der Betroffenheit" und die Suche nach Unterstützungssystemen bewährt.

"Kreise der Betroffenheit:

Wer ist vom Trauma wie direkt betroffen? Was wäre vermutlich sein dringlichster Hilfebedarf?

  • Erster (Innen-)Kreis - Personen in unmittelbarer Nähe zum Trauma: Direkt betroffene Schüler, Lehrer, Eltern ...
  • Zweiter Kreis - Personen in der näheren Umgebung ohne unmittelbare Traumaerfahrung: Familie, Freunde, Schul- und Klassenkameraden, andere Lehrer in der Klasse ...
  • Dritter Kreis - Personen in der "Hördistanz", in der institutionellen bzw. regionalen Nachbarschaft: Verwandtschaft, engere Bekanntschaft, die ganze Schule (Schüler, Kollegium, Eltern), Schulleitung, Schulaufsicht ...
  • Vierter Kreis - Personen aus der räumlich, familiär oder arbeitsplatzbezogen entfernteren Nachbarschaft: Lehrer, Eltern, Anwohner, Kirchen, Öffentlichkeit ...

Unterstützungssysteme:

Welche Unterstützungssysteme stehen für die unterschiedlich betroffenen (und damit unterschiedlich hilfebedürftigen) Personen zur Verfügung? Welche Bündnispartner gibt es?"

Quelle: Englbrecht, A. & Storath, R. (2000). Landesverband Bayrischer Schulpsychologen, Krisenintervention
Website www.lbsp.de - Dokument inzwischen dort nicht mehr verfügbar -

Unterschiedliche Gefühle Auch wenn es unwahrscheinlich ist, selbst Opfer eines Anschlags zu werden, so lässt sich diese Sorge nie vollständig ausschließen. Es wäre unsinnig und wenig hilfreich wollte man versuchen, jemandem seine Gefühle auszureden.

Hier hilft nur Verständnis und vielleicht als vorsichtiger Beginn der Umstrukturierung der Hinweis darauf, dass Gefühle der Bedrohung nicht bei allen in einer Klasse gleich stark ausgeprägt sind.

Nähe von Freunden Spontan holen sich Schülerinnen und Schüler oft Hilfe und Gesprächspartner unter ihren Freunden. In den Familien wird über die Ereignisse gesprochen und sicherlich gibt es auch zahlreiche Gespräche zwischen Freundinnen und Freunden. In Krisensituationen ist es eine große Hilfe die Nähe von Menschen zu erleben, die einem vertraut sind und Schutz und Verständnis bieten. Freundeskreis und evtl. Familie dürften deshalb für einige Schülerinnen und Schüler vorübergehend bedeutsamer sein als die Schulklasse.

Aus früher bewältigten Situationen lernen Bei Gesprächen in der Schule sollte angesprochen werden, welche Strategien Schülerinnen und Schüler in anderen belastenden Situationen anwenden, um aus Angst und Stress herauszukommen. Wichtig ist dabei auch die Frage, wer sie weiter im Prozess der Verarbeitung unterstützen kann.

Bewältigung kann nicht nur im Gespräch geschehen. Auch kreative Methoden, z.B. Malen oder Schreiben, und Bewegung eignen sich hierfür.

Rituale und Anteilnahme Rituale tragen dazu bei Belastungen auszuhalten und sich der Gemeinsamkeit mit anderen Menschen zu vergewissern. Zu den Formen der Bewältigung gehört es auch, den Hinterbliebenen der Opfer das Mitgefühl und die Anteilnahme auszudrücken.

Unerklärbarkeit des Einzelfalls Immer wieder werden Gedanken jedoch auch um den Täter kreisen und um die Frage, welche Ereignisse und Erfahrungen seine Lebensperspektive so verengt haben, dass er sich schließlich nur noch Rache und den Einsatz todbringender Waffen vorstellen konnte. Alle Versuche auf einzelne Ereignisse, wie im konkreten Fall die Schulprobleme, oder allgemeine Einflüsse wie Gewaltvideos, Computerspiele oder die Akzeptanz von Gewalt in der Gesellschaft hinzuweisen, erklären nicht die dramatische Entwicklung im Einzelfall. Ratlosigkeit bleibt zurück.

Auch in Krisen im Gespräch bleiben Leistungsvergleiche, z.B. in Klassenarbeiten, oder Zeugnisse machen Unterschiede zwischen den Schülerinnen und Schülern deutlich und psychische Kränkungen können dabei nicht ausgeschlossen werden. Lehrerinnen und Lehrer brauchen eine geschulte Sensibilität, um feststellen zu können, ob sich ein Schüler durch solche Maßnahmen in die Ausweglosigkeit gedrängt fühlt. Das ist im Einzelfall nicht leicht festzustellen. Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler sollten in einem Gesprächszusammenhang stehen, in dem auch Belastungen und Kränkungen zur Sprache kommen können. Dieser Gesprächskontext sollte auch in Krisensituationen nicht abreißen, beispielsweise beim Sitzenbleiben.

Leben ist mehr als Schule Schule und Schulerfolg sind nicht alles im Leben, auch wenn in vielen Familien dem Schulabschluss ein hoher Stellenwert zugerechnet wird. Wie kann es gelingen, eine Lebensperspektive zu entwickeln, wenn die Schulleistungen nicht wie erwartet bewertet werden und ein schulisches Scheitern droht? Gibt es Kompensationsmöglichkeiten im außerschulischen Bereich?

Wenn das Selbstwertgefühl der Schülerinnen und Schüler leidet, wenn sie meinen nicht mehr selbst ihr Leben bestimmen und gestalten zu können, sind sie gefährdet und brauchen Hilfe, möglicherweise auch durch therapeutische Einrichtungen oder Beratung. Solche Leistungen zu erbringen, dürfte die Schulen überfordern. Hier sollte die Zusammenarbeit mit psychologischen und medizinischen Einrichtungen langfristig vorbereitet und eingespielt sein. Aufgabe der Schule ist es Schülern die Möglichkeiten der Hilfestellung aufzuzeigen und im Einzelfall auch zur Inanspruchnahme zu ermuntern.

Gewalterfahrungen im Schulalltag Natürlich sind es andere Formen der Gewalt, mit denen die Schülerinnen und Schüler im Alltag konfrontiert werden: Missachtung, Mobbing, Ausgrenzung, Kränkungen durch zynisches Reden beispielsweise, Konflikte zwischen Schülern und Schülergruppen, die gewaltsam gelöst werden, etc.

Zahlreiche Schulen haben in den zurückliegenden Jahren Maßnahmen gegen die "alltägliche Gewalterfahrung" in Schulen ergriffen. Vertrauenslehrkräfte und Beratungslehrerinnen und Beratungslehrer haben gewaltpräventive Projekte durchgeführt. Moderatorinnen und Moderatoren für Gewaltprävention und Streitschlichtung bieten den Schulen ihre Unterstützung an.

Selbst wenn mit solchen Programmen nicht jede körperliche Auseinandersetzung und nicht alle Konflikte zwischen Schülerinnen und Schüler und mit den Lehrkräften vermieden werden, die Sozialkompetenz in der Schule nimmt zu und die Schülerinnen und Schüler sind besser in der Lage über Gefühle und Verletzungen zu reden, Konflikte konstruktiv zu bearbeiten, Vereinbarungen für das gewaltlose Zusammenleben zu treffen.

Erziehungskonsens Nicht nur in innerhalb der Schule, sondern auch unter Einbeziehung der Erziehungsberechtigten sollte über Werte und Erziehungsziele gesprochen werden. Wenn Schulen gewaltsame Auseinandersetzungen ächten und einen Konsens erzielen, kann die Schule ihrem Erziehungsauftrag gerecht werden.

Unterstützung In Fernsehgesprächen nach dem Amoklauf in Emsdetten wurde wiederholt gefordert vermehrt Sozialpädagogen und Schulpsychologen einzustellen. Auch solche Maßnahmen können eine Eskalation der Gewalt nicht in jedem Einzelfall verhindern. Doch kann die Mitarbeit anderer Fachkräfte dazu führen, dass die Schülerinnen und Schüler in Krisensituationen Ansprechpartner finden, die nicht gleichzeitig Lehrende und Beurteilende sind.

Psychologische und sozialpädagogische Kompetenz ist auch für die Fortbildung in Bezug auf differenzierte Gesprächsfähigkeiten von Bedeutung und sollte von den Schulen entsprechend genutzt werden. Schulpsychologische Dienste und Regionale Schulberatungsstellen bieten Unterstützung an, sei es im Einzelfall, sei es beim Aufbau eines erzieherisch und gewaltpräventiv wirksamen Schulprogramms.

Gesellschaftliche Fragen

Schule spürt die Auswirkungen gesellschaftlicher Entwicklungen, auch wenn sie sie nicht verursacht hat. Über den schulischen Rahmen hinaus stellen sich zahlreiche Aufgaben der Gewaltächtung und der Verhinderung von Gewalttaten. Der Zugang zu Schusswaffen gehört ebenso dazu wie Fragen der Verfügbarkeit von gewaltverherrlichenden Videos oder Computerspielen.

Weiterführungen

Schulpsychologische Empfehlungen für Eltern- und Lehrerverhalten bei Katastrophen

Aufgaben der Schulleitung in Krisensituationen

Gesprächsführung

Adressen der Schulpsychologischen Dienste und Regionalen Schulberatungsstellen in Nordrhein-Westfalen