Kooperatives Lernen
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Kooperatives Lernen und Lernpsychologie:

Unser Gehirn - Soziales Lernen - Lernstile - Multiple Intelligenz

   

Wie das Gehirn arbeitet

Das menschliche Gehirn arbeitet nicht wie ein Tonband oder Videorekorder. Aufgrund des riesigen Vorrats an alten Informationen werden neu ankommende Informationen kontinuierlich abgefragt. Unser Gehirn stellt Fragen wie:

  • Habe ich diese Information vorher schon einmal gesehen oder gehört? Woran erinnert sie mich?
  • Wo passt diese Information hin? Was kann ich damit tun?
  • Kann ich davon ausgehen, dass das dieselbe Idee ist, die ich gestern oder letzten Monat oder letztes Jahr hatte?

Das Gehirn empfängt nicht einfach nur Informationen, es verarbeitet sie. Um Informationen effektiv zu verarbeiten, hilft es, die Informationen im Gehirn und außerhalb zu reflektieren. Wenn Schüler Informationen mit anderen diskutieren und wenn sie aufgefordert werden, Fragen dazu zu stellen, können ihre Gehirne besser lernen. So baten z.B. Ruhl, Hughes und Schloss (1987) Schüler in regelmäßigen Abständen mit einem Partner während der Stunde über das Thema zu diskutieren, auch wenn keine Zeit für Diskussionen waren. Diese Schüler erreichten höhere Werte als die anderen.

Noch besser ist es, wenn wir etwas mit der Information tun können. Wir können Feedback darüber erhalten, wie gut wir etwas verstanden haben. Lernen wird verstärkt, wenn die Menschen um Folgendes gebeten werden:

  • Informationen mit eigenen Worten wiederzugeben
  • Beispiele geben müssen
  • einen Sachverhalt auf unterschiedliche Weise verstehen müssen
  • Verbindungen zwischen der neuen Information und anderen Fakten oder Ideen sehen müssen
  • die Information in unterschiedlicher Weise benutzen müssen
  • Konsequenzen voraussehen müssen
  • das Gegenteil oder einen Widerspruch formulieren müssen

In vieler Hinsicht arbeitet unser Gehirn wie ein Netzwerk-Computer und wir sind die User. Ein Computer muss angeschaltet sein, um zu arbeiten. Unser Gehirn muss auch angeschaltet sein. Wenn Lernen passiv erfolgt, ist das Gehirn nicht angeschaltet. Ein Computer benötigt die richtige Software, um eingehende Daten richtig zu verarbeiten. Unser Gehirn muss das, was ihm angeboten wird, damit verbinden können, was es schon gelernt hat und wie es schon gelernt hat. Wenn das Gehirn passiv ist, stellt das Gehirn nicht die Verbindung zur Gehirn-Software her. Zu guter Letzt kann ein Computer nicht die Informationen behalten, ohne sie zu sichern. Unser Gehirn muss Informationen testen, wiederholen oder jemand anderem erklären, um sie in den Gedächtnisspeichern zu verankern. Wenn Lernen passiv erfolgt, speichert das Gehirn nicht, was im angeboten wurde.

Was geschieht, wenn Lehrer die Schüler mit ihren eigenen Gedanken überfluten (wie einsichtsvoll und organisiert dies auch immer geschehen mag) oder wenn sie allzu oft auf "Lasst-Es Mich-Euch-Zeigen-Demonstrationen und -Erklärungen" zurückgreifen? Fakten und Begriffe in die Köpfe der Schüler zu schütten und meisterlich Fertigkeiten und Verfahren vorzuführen, stört das Lernen. Die Stunde mag im Moment Eindruck auf das Gehirn machen, aber ohne photographisches Gedächtnis können die Schüler in Wahrheit nicht viel über einen längeren Zeitraum behalten, auch wenn sie meinen, sie würden es nie vergessen.

Auf jeden Fall besteht wahres Lernen nicht im Behalten. Auch wenn Behalten eine Rolle beim Lernen spielt, ist das meiste, von dem, was wir behalten, innerhalb von Stunden verschwunden. Um zu behalten, was man uns beibringt, müssen wir es verarbeiten. Lernen kann nicht mit einem Bissen erledigt werden. Ein Lehrer kann die Denkarbeit für seine Schüler nicht tun, weil sie selbst zusammensetzen müssen, was sie hören und sehen, um bedeutsames Ganzes zu erhalten. Ohne die Gelegenheit zu diskutieren, Fragen zu stellen etwas zu tun oder sogar einem anderen etwas beizubringen, wird echtes Lernen nicht eintreten.

Außerdem ist Lernen kein Einzelereignis, es kommt in Wellen. Es braucht mehrere Konfrontationen mit Material, das er so, lange bearbeiten kann, bis er es verstanden hat. Es braucht auch unterschiedliche Arten der Konfrontation, nicht nur einfache Wiederholung des Inputs. So kann z.B. die Anwendung einer Software mit Handreichungen trainiert werden, aber auch durch Übungen in der Klasse und durch individuelle Aufgabenzuweisung. Jede Methode formt das Verständnis des Teilnehmers. Noch bedeutsamer ist die Art und Weise der Konfrontation. Wenn sie über den Lernenden kommt, wird er nicht viel lernen. Wenn Lernen passiv erfolgt, kommt der Lernende ohne Neugier, ohne Fragen und ohne Interesse am Ergebnis. Wenn Lernen aktiv ist, sucht der Lernende etwas. Er möchte eine Antwort auf seine Fragen haben, benötigt Informationen, um ein Problem zu lösen oder sucht nach einem Weg, etwas zu tun.

Gehirnentwicklung in der Pubertät und Kooperatives Lernen

 

Die soziale Seite des Lernens

Alle Schülerinnen und Schüler, ob jung oder alt, sind mit einer Welt des massiv zunehmenden Wissen, des raschen Wandels und der Unsicherheit konfrontiert. Daraus resultiert, dass sie möglicherweise ängstlich und defensiv sind. Abraham Maslow hat uns gelehrt, dass Menschen zwei Anteile von Kräften und Bedürfnissen in sich tragen - einen, der nach Entwicklung strebt, und einen anderen, der an Sicherheiten festhält. Eine Person, die sich zwischen diesen beiden Bedürfnissen entscheiden muss, wird die Sicherheit der Entwicklung vorziehen. Das Bedürfnis, sich sicher zu fühlen, muss zunächst befriedigt werden. Erst danach kann das Bedürfnis, aus sich herauszugehen, Risiken einzugehen und Neues zu erforschen, in Erwägung gezogen werden. Laut Maslow vollzieht sich fortschreitende Entwicklung in kleinen Schritten und "jeder Schritt nach vorne wird nur dadurch ermöglicht, dass man sich sicher fühlt und dass man sich von einem sicheren Heimathafen aus in das Ungewisse hinaus wagt" (vgl. Maslow, 1968, S. 45)

Bausteine des Selbstwertgefühls

Sollen Schülerinnen und Schüler ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit erlangen, ist es ganz entscheidend, dass sie eine Verbindung zu anderen Menschen aufbauen und dass sie das Gefühl haben, in eine Gruppe einbezogen zu sein. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit macht es den Mitgliedern der Gruppe erst möglich, die vor ihnen liegenden Herausforderungen anzugehen. Wenn sie nicht mehr alleine sondern mit anderen lernen, haben sie Zugang zu jener emotionalen und intellektuellen Unterstützung, die es ihnen erst erlaubt, über ihren momentanen Wissens- und Fähigkeitsstand hinauszugehen.

Die soziale Seite des Lernens hat auch Jerome Bruner in seinem Klassiker Toward a Theory of Instruction (1966) erkannt. Er beschreibt ein "tiefes menschliches Bedürfnis, auf andere einzugehen und mit ihnen gemeinsam an einer Aufgabe zu arbeiten". Er nennt dies "Gegenseitigkeit" (Reziprozität) und macht darin eine Motivationsquelle aus, die jede Lehrerin bzw. jeder Lehrer nutzen kann, um Lernen zu stimulieren. Er schreibt: "Dort, wo gemeinsames Handeln von Nöten ist, wo Gegenseitigkeit notwendig ist, um als Gruppe ein Ziel zu erreichen, scheinen Prozesse am Werk zu sein, die den Einzelnen geradezu in das Lernen hineintragen, die ihm eine Kompetenz verleihen, die in Gruppensituationen nötig ist."


Diese Konzepte von Maslow und Bruner sind die Grundlage der Entwicklung von Methoden des Lernens in Kleingruppen, das in allen Lern- und Lehrsituation so gefragt ist - einschließlich der Fortbildung in Unternehmen. Führt man Schülerinnen und Schüler in Teams zusammen und stellt ihnen Aufgaben, bei denen sie - um erfolgreich zu sein - voneinander abhängig sind, so ist dies ein wunderbares Mittel, aus ihren sozialen Bedürfnissen "Kapital zu schlagen". Sie neigen dann dazu, engagierter zu lernen, weil sie es zusammen mit ihresgleichen tun. Sobald sie einmal involviert sind, haben sie auch das Bedürfnis, mit anderen über ihre Erfahrungen zu sprechen, was dann wiederum zu weiteren Verbindungen führt.

Gemeinsame Lernaktivitäten fördern das aktive Lernen. Obwohl das Lernen in Einzelarbeit und das gemeinsame Lernen mit der gesamten Klasse ebenfalls aktives Lernen stimulieren, eröffnet die Fähigkeit, mithilfe von Kleingruppen zu lehren, den Lehrkräften die Gelegenheit, aktives Lernen auf ganz besondere Art und Weise zu fördern. Vergessen Sie nicht: Was eine Schülerin bzw. ein Schüler mit anderen diskutiert und was ein Mitglied einer Gruppe anderen beibringt, eröffnet ihr bzw. ihm die Chance zu tiefem Verständnis und zum wirklichen Lernen. Die besten der auf Zusammenarbeit basierenden Lernmethoden (vgl. z.B. die "Puzzlemethode") erfüllen diese Voraussetzungen. Wenn man den Gruppenmitgliedern unterschiedliche Aufgaben stellt, veranlasst es sie, nicht nur gemeinsam zu lernen, sondern auch einander etwas beizubringen.

Lernstile und multiple Intelligenzen

Es gibt sehr unterschiedliche Lerntypen. Beispielsweise lernen einige Erwachsene am besten, wenn sie Informationen gleichzeitig sehen und hören. Beim Erwerb von Fähigkeiten haben sie es gerne, wenn jemand es ihnen vormacht, bevor sie es selbst ausprobieren. Normalerweise bevorzugen solche "visuellen" Lerntypen eine gut durchdachte und aufeinander aufbauende Abfolge der Informationsvermittlung. Sie ziehen es vor aufzuschreiben, was ein Lehrer ihnen beibringt. Während des Kurses sind sie meistens still. Videos, Dias und praktische Präsentationen stehen ganz oben auf ihrer Hitliste.

Solchen Erwachsenen stehen "auditive" Lerntypen gegenüber, die es häufig nicht für nötig halten, Aufzeichnungen zu machen oder zu schauen, was der Lehrer macht. Sie verlassen sich auf ihre Fähigkeit, gut zuhören zu können und das Vorgetragene zu behalten. Während der Kurse können sie durchaus sehr gesprächig sein. Auf ihrer Hitliste stehen Vorlesungen, Diskussionen und Frage-und-Antwort-Sitzungen ganz oben.

"Kinästhetische" Lerntypen lernen größtenteils durch direkte Beteiligung an Aktivitäten. Sie neigen dazu, sehr impulsiv zu sein und wenig Geduld zu haben. Während der Kurse können sie zappelig sein, wenn sie sich nicht bewegen und etwas "tun" können. Ihre Art zu lernen kann einen planlosen und zufälligen Eindruck machen. Auf ihrer Hitliste finden sich experimentelle Aktivitäten wie Rollen- und andere Spiele sowie Gruppenarbeit an oberster Stelle.

Natürlich sind die meisten Kursteilnehmer nicht ausschließlich einem dieser Typen zuzuordnen. Grinder (1991) hat festgestellt, dass in einer Gruppe von 30 Leuten durchschnittlich 22 effektiv lernen, wenn der Lehrer eine Mischung visueller, auditiver und kinästhetischer Aktivitäten anwendet. Die verbleibenden acht Personen bevorzugen jedoch eine der Vermittlungsarten derart stark, dass sie Probleme haben, dem Unterricht zu folgen, wenn nicht besondere Rücksicht auf ihren speziellen Lernstil genommen wird. Um diesen Bedürfnissen nachzukommen, muss der Unterricht alle Sinne ansprechen und mit Aktivitäten angereichert sein.

Eine Erkenntnis von Lehrern ist, dass sich die Lernstile ihrer Schüler verändert haben. Über einen Zeitraum von 15 Jahren haben Schroeder und seine Kollegen (Schroeder, 1993) neue College-Studenten mit dem Myer-Briggs-Typen-Indikator (MBTI) getestet. Der MBTI ist eines der weltweit am weitesten verbreiteten Instrumente, das in der Schul- und Wirtschaftswelt verwendet wird. Es hat sich als besonders wirksames Verfahren zum Verstehen individueller Unterschiede im Lernprozess erwiesen. Die Ergebnisse zeigen, dass circa 60 Prozent der angehenden Studenten eine praktische Orientierung des Lernens der theoretischen Orientierung vorziehen. Dieser Prozentsatz wächst von Jahr zu Jahr an. Solche Studenten bevorzugen es, unmmittelbare, direkte und konkrete Erfahrungen zu machen, als zunächst Grundlagen zu erlernen, die sie erst später praktisch anwenden. Schroeder betont, dass die MBTI-Forschung auch belegt, dass Schüler der Sekundarstufe fünfmal lieber "konkrete und aktive" Lernerfahrungen machen als "abstrakte und reflektive". Nach Auswertung aller Ergebnisse kommt Schroeder zu dem Schluss, dass aktive Lehr- und Lerntechniken den heutigen Jugendlichen am ehesten entsprechen. Um effektiv zu sein, sollten Lehrende folgende Methoden verwenden:

  • Diskussionen in Kleingruppen und Experimente
  • Präsentationen und Debatten
  • erfahrungsorientierte Aufgaben
  • Feldexperimente
  • Simulationen und Fallstudien

Ganz besonders betont Schroeder, dass sich junge Erwachsene "ziemlich gut an Gruppenaktivitäten und gemeinschaftliches Lernen anpassen" (1993, S. 25).

Diese Ergebnisse sind nicht weiter überraschend, wenn man bedenkt, wie schnell und aktiv das moderne Leben ist. Junge Menschen (die sogenannte "Generation X") wächst heute in einer Welt auf, in der sich Dinge schnell verändern und in der jedem viele Möglichkeiten offenstehen. Geräusche kommen in Form cleverer "bites" daher, und die Farben sind leuchtend und grell. Dinge, egal ob real oder virtuell, befinden sich in schneller Bewegung. Die Möglichkeit, Dinge zu verändern, ist ständig gegeben. Die Mitglieder der Generation X nehmen aktives und experimentelles Lernen an.

Howard Gardner hat Lehrern einen weiteren Ansatz geliefert, mit dem die Begabungen erfasst werden können. Gardner sieht die von ihm ermittelten Begabungen jedoch nicht als "die" Liste an, vielmehr sollen sie die gesamte Bandbreite der vorkommenden Begabungen abbilden:

  • sprachlich
  • logisch-mathematisch
  • musisch
  • räumlich
  • körperlich-kinästhetisch
  • zwischenmenschlich (interpersonal)
  • intrapersonal
  • natürlich

learn:line schulberatung

Weitere Ausführungen zu Lernstilen und Multipler Intelligenz

Mit diesen Fähigkeiten können ernsthafte Probleme oder Schwierigkeiten ebenso gelöst wie neue gefunden werden, wodurch dann wiederum die Grundlage für neue Wissensaneignung gelegt wird. Das Wissen um diese acht verschiedenen Begabungen erinnert uns daran, dass Schüler immer unterschiedliche Stärken und Schwächen in die Lernsituation einbringen. Indem wir Wert schätzen, was jeder einzelne beitragen kann, wird uns klar, dass in der Gesellschaft Nordamerikas logisch-mathematische und sprachliche Begabungen zum Leidwesen der anderen Begabungen höher geschätzt werden. Unter den herrschenden Bedingungen - Druck im Unterricht und durch Lehrpläne, etc. - kann leicht übersehen werden, dass nicht alle Schüler in gleicher Weise lernen ... eine Tatsache, die jedoch in der Fachliteratur zu den Lerntypen thematisiert wird.

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